Massentierhaltung, Schlachthöfe, Tierversuche oder Pelztierfarmen – in der heutigen Gesellschaft wird das Töten und Quälen von unschuldigen Tieren nur von wenigen Menschen kritisch hinterfragt. Die gezielte Ausbeutung von Tieren ist normal geworden und gilt als moralisch kaum verwerflich.

Durch das Fortschreiten der Zivilisation und die evolutionsbedingten Fähigkeiten und damit verbundenen technischen Möglichkeiten hat sich der Mensch zu einer gewissenlosen Spezies entwickelt, die schwächere Lebewesen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse und aus Gier ausbeutet. Dabei macht sich der Mensch den Umstand zunutze, von seiner naturgegebenen „Macht des Stärkeren“ gewinnbringend zu profitieren. So nimmt er sich selbstverständlich und ohne den geringsten Zweifel an den moralischen Konsequenzen das Recht des Stärkeren heraus, Tiere unter unvorstellbaren Bedingungen zu halten, sie zu quälen und zu töten.

Gerade hier existiert der große Widerspruch in der Existenz des modernen Menschen, der sich im Laufe vieler Jahrtausende durch politische, philosophische, religiöse und ethische Bestrebungen eine Gesellschaft aufgebaut hat, die auf einem System moralischer Kodizes beruht. So wird in der heutigen Gesellschaft von jedem gewissenhaften Menschen akzeptiert, das er seinen Mitmenschen gegenüber von seinem Recht des Stärkeren nicht Gebrauch macht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Der Mensch, der nach moralischen Werten lebt und handelt, überwindet im alltäglichen Leben immer wieder seinen Status des Stärkeren, um Schwächeren nicht zu schaden und sie nicht auszubeuten. Dies ist eine der wichtigsten Säulen der modernen Zivilisation. Jeder Mensch, der sich an den moralischen Grundwerten der Gesellschaft nicht orientiert und nach triebhafter Willkür handelt, gilt als kriminell und muss dafür die Konsequenzen tragen. Wenn dieses Recht des Stärkeren im menschlichen Zusammensein aus moralischen Überlegungen immer wieder aufs Neue überwunden wird, stellt sich natürlich die Frage, warum dies nicht auch auf die Beziehung zwischen Mensch und Tier übertragbar ist.

In dieser Beziehung bedient sich der Mensch einer konstruierten, von den oben diskutierten Grundwerten deutlich abweichenden Ethik, um die gezielte Ausbeutung des Schwächeren, nämlich des Tieres, in moralischer Hinsicht zu rechtfertigen. Die ethischen Maßstäbe, die im zwischenmenschlichen Dasein gelten, werden über Bord geworfen und durch Überlegungen ersetzt, die aus naturwissenschaftlichen und religiösen Theorien zusammengesetzt sind. Diese basieren auf der Annahme, der Mensch stünde als Spezies über jener des Tieres, ein Status, der mit bestimmten Sonderrechten einhergeht. Dabei geht es um den „niederen“ Wert des Tieres, das den Bedürfnissen des „höheren“ Menschen zur Verfügung zu stehen hat. Die logische Gültigkeit dieser Annahme, die der gezielten Ausbeutung des Tieres zugrunde liegt, kann im Hinblick auf die moralischen Kodizes der Gesellschaft einfach überprüft und kritisiert werden. Zur echten Moral, vom „Recht des Stärkeren“ nicht Gebrauch zu machen, steht das Handeln des Menschen dem Tier gegenüber jedenfalls in krassem Gegensatz.

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