Mehr Jungen zu Pferd bringen – wie?

Die verblüffend einfache Antwort auf diese scheinbar schwierige Frage lautet: Lassen wir die Jungs nicht ganz allein unter Mädchen.

Nach Ansicht von Maria Schierhölter-Otte sind Jungen lieber unter sich und sind experimentierfreudiger. Der normale Reitunterricht sei ihnen zu langweilig. In Berlin-Brandenburg zumindest gibt es jedoch noch keine reinen Jungengruppen. In anderen Regionen hat man bereits gute Erfahrungen damit gemacht. Beispielsweise auf dem Rherhof in der Lüneburger Heide bei Amelinghausen. Jungen hätten spätestens nach einem Jahr die Nase voll vom Reiten, erzählt Reitlehrerin Sabine Reifenrath. Nach einiger Zeit kämen sie bereits mit einem Fußball, weiß sie. Spätestens jetzt wurde Reifenrath klar, dass Jungen mehr Action brauchen. Diese bot sie den Jungen an: Statt den so genannten Paddock abzuäppeln, erlaubte sie ihnen, sich mit Wasser nasszuspritzen, Kappen und Gerten zu vergessen. Während von Mädchen mehr Disziplin verlangt wird, sollte Jungen dies erspart werden, denn sie hätten mit Abteilungsreiten wenig am Hut und Sitzkorrekturen würden sie überfordern. Lustig findet Sabine Reifenrath, wenn die Pferde mit den Jungen sozusagen durchgehen und die Jungen unfreiwilligen Bodenkontakt genießen dürfen: Ein Nachmittag mit Mädchen sei viel langweiliger, da planvoller und konzentrierter. Aber den Jungen müsse das Reiten zunächst mit mehr Freiheiten schmackhaft gemacht werden, bevor man ihnen eine Konzentrationsübung mit den Pferden zumuten könne, dann würden sie auch „am Ball“ bleiben, so Sabine Reifenrath.
Eine weitere Erfahrung hat Monika Tilger mit ihrer reinen Jungsreitgruppe gemacht, die sie seit geraumer Zeit auf ihrer Reitanlage in Stahnsdorf gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Nach ihren Worten sei das der reine Alptraum, denn noch nie habe sie etwas mauligeres und ehrgeizloseres erlebt als diese Jungen. Doch schlagartig wandelt sich das Bild, wenn auch Mädchen dabei seien. Die Jungen sporne das sehr an und sie ziehen mit, weiß Monika Tilger. Sie sehe das Problem, dass Jungen schneller aufgeben, wenn sie nicht sofort Erfolge sehen. Um die Jungen zu motivieren, setzt Tilger auf spielerische Elemente im Reitunterricht. Beispielsweise spielt sie zu Pferd die „Reise nach Jerusalem“ oder versucht sich im Slalomreiten in der Mannschaft, woraus ein Wettbewerb zwischen Jungen und Mädchen gestaltet werden kann.
Denn bei Jungen könne man ein starkes Wettkampfbedürfnis erkennen, egal um welche Sportart es gehe. Diese Ansicht bestätigt auch Sportwissenschaftler Nils Neuber. Jedoch ist der Turnierreitsport für die Jungen nur eingeschränkt erfreulich. Vor allem in den Einsteigerprüfungen sind sie der Konkurrenz durch Mädchen ausgesetzt. Diese sehen zu Pferd hübscher aus. Man denke nur an die Mähne, die im Partnerlook mit den eigenen Haaren aufwendig in Zöpfe geflochten werden. Auch sind Mädchen in bestimmten Altersgruppen den Jungen motorisch überlegen. Für die Jungen wird daraus schnell ein Frusterlebnis. Inzwischen versucht man, Jungen separat zu bewerten, etwa in Führzügelklassen und Reiterwettbewerben. Maria Schierhölter-Otte erachtet dies für sinnvoll und bedauert, dass diese Praxis noch nicht weiter verbreitet ist. Aus ihrer Sicht sollten auch einmal Springprüfungen und Geschicklichkeitswettbewerbe allein für die Jungen ausgeschrieben werden.
Der weiterere Ansatz bei der Förderung der Jungen als Nachwuchs im Reitsports sind die Ausbilder. Wie immer in der Erziehung, ob Kindergarten, Grundschule oder auch Familie sind es in erster Linie die Frauen, die zuständig sind. Beim Reiten ist es nicht anders. Die Jungen hätten hier kein positives männliches Vorbild, das sie zur Orientierung jedoch dringend benötigen würden, weiß Sportwissenschaftler Nils Neuber. Er spricht damit eine Entwicklung an, die sich nicht nur im Reitsport bemerkbar macht und die zunehmend zum Problem wird. Es könne gerade im Ausbilderbereich ein dramatischer Frauenüberschuss festgestellt werden. Der Anteil der Hauptberufler liege bei gut 70 Prozent. Im Amateurbereich seien sogar über 90 Prozent Frauen vertreten. Die logische Folge sei es, wenn es im Grunde nur noch Mädchen und Frauen in den Reitsport zieht.
Dann schließt sich der Teufelskreis und es grenzen sich die Jungen ab, da sie dort keinen Platz für sich sähen.

Jungen und Pferde – der erste Kontakt

Es ist eigentlich nicht besonders schwer, den Jungen den Umgang mit den Pferden schmackhaft zu machen, wenn sie einmal überhaupt Kontakt aufgenommen haben. Doch es stellt sich zuerst die Frage, wie man diesen Kontakt überhaupt herstellen soll. Neuber meint, der Weg über die Schulen sei vielversprechend. Schulen, die Reiten als Fach anbieten, können ein größeres Interesse bei Jungen verzeichnen. Größer jedenfalls als dasjenige, das entfacht wird, wenn sich die Jungen allein auf den Weg in den Stall machen müssen. Inzwischen gibt es immer mehr Schulen, die den Reitsport als Fach anbieten. Einmalig in Deutschlang ist nach wie vor das Fach Reiten als in Neustadt (Dosse) als Wahlpflichtfach. Der Jungenanteil liege auch dort zwar erst bei zehn Prozent, aber die Tendenz sei. Vor 7 Jahren, als das Projekt begann, war es nur ein einziger Junge, jetzt sind es immerhin fünf Jungen im Alter von etwa 13, die zusammen mit 8 Mädchen das Wahlpflichtfach Reiten gewählt haben. Auch Reitlehrer Hendrik Falk verweist auf die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen in Bezug auf die Ansprüche. Jungen seien wettkampffreudiger, Mädchen hätten mehr Geduld, Fleiß und seien insgesamt genügsamer. Im Unterricht müsse versucht werden, beidem gerecht zu werden, daher würden die Gruppen auch hin und wieder getrennt. Doch auch Jungen können mit einem Pferd kuscheln und einfühlsam und warmherzig sein, wenn man
ihnen die Zeit lasse, ein Gespür für das Pferd zu entwickeln.

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